Anja fragt: Zarah Philips, hat lauter Leichen im Keller

Das ist Zarah
Heute frage ich eine ganz besondere Person, die ich nicht nur für ihr Schreibtalent bewundere, sondern auch für ihren Humor: Zarah Philips, die Autorin von "Lauter Leichen".
Zarah hat ihr Buch im Januar 2017 im Selbstverlag veröffentlicht. Es ist ein sehr schwarzhumoriger Krimi um eine schrullig-liebenswürdige Familie, die sprichwörtlich lauter Leichen im Keller hat. Ich habe das Buch gelesen (Link zur Rezension) und ich muss euch sagen; Wenn ihr das nicht lest, geht die Welt unter. Hier möchte ich Autorin einmal näher vorstellen.



Liebe Zarah, vielen Dank, dass du dir für ein Gespräch Zeit nimmst. Du hast im Januar 2017 deinen Debüt-Roman veröffentlicht. „Lauter Leichen“ ist ein Krimi der besonderen Art. Worum geht es?

Um die Frauen der Hamburger Familie Gint, die ihr Leben auf eine recht drastische Art selbst in die Hand nehmen: Obwohl sie zumindest zum Rand der „feinen“ Gesellschaft gehören, sind sie sich selbst für nichts zu „fein“, solange es der Gerechtigkeit dient. Außerdem ist der Buchtitel Programm: Es gibt tatsächlich lauter Leichen. Und die tauchen an den unmöglichsten Orten auf und sind weiß Gott nicht immer frisch. Dennoch ist der Krimi nicht blutrünstig oder in den Schilderungen drastisch. Insofern kann man ihn getrost auch gemütlich mit einem Kakao im Bett lesen, ohne nach dem Zuklappen der Buchdeckel mit bis zur Nase hochgezogener Decke auf den herbeifantasierten Blumentopf-Killer zu warten.


Ich habe dein Buch gelesen und war schwer begeistert, habe stellenweise laut gelacht und dabei war es auch noch spannend. Wie bist du darauf gekommen, in so einer schwarzhumorigen Art zu schreiben? War das von Anfang an „dein Ding“ oder war es ein langer Weg bist du dieses Talent entdeckt hast?

Es war ein langer Weg! Aber der hat weniger mit dem Schreiben und mehr mit dem Leben zu tun. Ich habe drei Kinder allein großgezogen. Irgendwann kommt der Punkt, an dem frau sich entscheiden muss: Verkriechst du dich mit Taschentüchern und Prosecco vor dem Fernseher und erträumst dir ein Rosamunde-Pilcher-Leben, oder krempelst du die Ärmel hoch und amüsierst dich mit dem Leben, wie es ist?

Dabei stell ich es mir eigentlich sehr amüsant vor, mit dir einen Prosecco zu trinken.

Hast du ein paar Anekdötchen zur Geschichte? Ist mal irgendwas schief gelaufen? Oder war ein Charakter ganz anders geplant? Gibt es vielleicht sogar etwas Wahres in deinem Buch?

Ich bin ein friedfertiger Mensch – mit einer Ausnahme. Wenn ich Auto fahre – was berufsbedingt mehr oder weniger zum Hobby geworden ist – und ich auf Verkehrsteilnehmer stoße, die sich die Straße ohne Rücksicht so nehmen, wie sie wollen, bekomme ich Fangzähne. Gern hätte ich in diesen Momenten ein James-Bond-Auto mit eingebautem Raketenwerfer. Wenn man so will, habe ich irgendwann Elenor Gint in mir entdeckt, die sich nicht auf Phantasien beschränkt, sondern zur Tat schreitet. Schief gelaufen – das ist eine Frage der Betrachtung. Insgesamt habe ich wohl dreimal soviel geschrieben, wie das, was veröffentlicht ist. Aber die Extraseiten waren auch sehr lehrreich, denn das Schreiben ist ja nicht nur ein Talent, sondern auch Handwerk. Und da macht die Übung den Meister.  (Anm. Anja: Ein schlauer Mensch hat mal zu mir gesagt: Schreiben heißt in erster Linie überarbeiten.)


Zarah und ihr Lama ... äh eine Hirschkuh.

Ich muss gestehen, dass ich ein großer Fan von „Oma Frieda“ bin. Aber du hast nicht nur bei ihr, sondern auch bei allen anderen Charakteren eine ganz feine Art, die Besonderheiten herauszustellen, wenn ich zum Beispiel an Cheetah denke – mit der kann ich mich übrigens sehr gut identifizieren. Nimmst du diese Charaktere aus deiner Umwelt? Gibt es diese wirklich? Vielleicht beschreibst du deine Arbeitskollegin oder Nachbarin?

Meine Oma hieß auch Frieda, und sie war eine Chemikerin. Das war in den 20-er Jahren schon etwas Besonderes. Die pragmatische, zupackende Art von Oma Frieda habe ich mir bei ihr abgeguckt. Meine Oma hat zwei Weltkriege überlebt. Da lernt man, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, wenn das Leben wieder friedlich und vorhersehbar wird. Diese Einstellung hat meine Roman-Oma auch, doch anders als meine echte Oma hat die Roman-Oma zusätzlich noch die drastische Art der Problembeseitigung mit aus dem Krieg gebracht.
Was Cheetah anbelangt, so glaube ich, dass ein Stück von ihr in jeder selbstbewussten Frau steckt. Cheetah ist – wie alle Frauen im Roman – emanzipiert, dabei aber nicht bitter oder zornig, sondern einfach mit sich im Reinen. Und dazu gehört auch, den eigenen fülligen Körper zu lieben und aus ihm das Beste zu machen, was Cheetah perfekt beherrscht.
Die anderen Charaktere sind ein Potpourri aus vielen Menschen. Meist sind es kleine, zufällige Begegnungen, die in meinem Kopf wie ein Samen aufgehen und etwas wachsen lassen, das am Ende zu einer Idee, einer Szene, einer Figur wird.


Du hast mir mal gesagt, dass die Story eigentlich noch anders verlaufen wäre, wenn deine Lektorin dich nicht auf bessere Lösungen gebracht hätte. Wie war es für dich, mit ihr zusammenzuarbeiten? Viele Autoren fürchten sich davor, sich an einen Lektor/Lektorin zu wenden, weil sie befürchten, ihr Werk würde verhunzt werden. Und es gibt ja auch tatsächlich Leute, die über solche Erlebnisse berichten. Was hast du für Erfahrungen gemacht?

Ausschließlich gute Erfahrungen, was wohl aber auch daran liegt, dass ich mir meine Lektorin sehr gründlich ausgesucht habe und bereit war, sie anständig zu bezahlen. Lektoren tun ihren Job, und der hat nichts mit Köpfchen streicheln und ganz viel loben zu tun, sondern damit, aus einem mittelmäßigen Werk ein gutes Werk zu machen oder aus einem guten Werk ein hervorragendes. Das geht nicht, wenn sie nur alle drei Seiten drei Wörter korrigieren. Ich habe auch nicht alle gewünschten Streichungen meiner Lektorin übernommen, aber immerhin rund neunzig Prozent. Sehr hilfreich war ihr kluger Blick auf die Handlung, die sich über einen Zeitraum von achtzig Jahren spannt und insofern einen gut organisierten Plot benötigt. Als Autor, der ständig in der Geschichte steckt, verliert man mitunter den Blick für den roten Faden.


Kannst du anderen Selfpublishern Ratschläge geben, worauf man bei der Wahl des Lektors achten muss? Oder hast du Tipps für eine bessere Zusammenarbeit?

Demut! Aber das gilt für jegliche Zusammenarbeit, nicht nur für die mit Lektoren. Außerdem Liebe für das, was man tut, und zum Beruf des Schriftstellers gehört eben nicht nur das freie Phantasieren, sondern auch das manchmal recht unkreative Korrigieren und Verbessern. Ich habe mich auf jede Mail meiner Lektorin gefreut und mir ihre Anmerkungen immer sehr gespannt angeschaut. Sie ist ein Profi und weiß, was sie tut. Daher hat sie auch nie in meine Sprache eingegriffen, sondern immer nur das korrigiert, was auch in meinen Augen korrekturwürdig war. Als Autor kann ich mir eine narzisstische Kränkung nicht leisten, wenn ich lernen und besser werden will.


„Lauter Leichen“ erhält eigentlich grundsätzlich Best-Bewertungen. Darauf bist du bestimmt stolz. Wie war es für dich, dein Buch in die Welt zu „werfen“? Hattest du Angst vor schlechten Bewertungen?

Nein – ich war einfach nur gespannt, wie das Buch ankommen würde. Als dann aus der Leserunde bei Lovelybooks so viele Top-Bewertungen kamen, war ich sehr überrascht. Nicht deswegen, weil ich meinen Roman selbst eher kritisch sehe, sondern deswegen, weil ich nicht davon ausgehen kann, dass so viele Leser die Geschichte ähnlich lustig/spannend/anregend finden wie ich. Auch Bücher haben viel mit persönlichem Geschmack zu tun.


Gibst du Rezensionsexemplare an Buchblogger heraus?

Ja! Und auf Wunsch male ich sogar etwas Kleines in das Buch, denn Elenor Gint und ich malen beide gern.
An die Blogger!!! Hier anfragen: Zarah auf Facebook


Ich habe ja mal einen Artikel über die Zusammenarbeit von Bloggern und Autoren geschrieben. Dabei gibt es immer wieder Probleme oder Missverständnisse. Wie ist die Bloggersuche bei dir verlaufen?

Ich habe mich nicht in größerem Umfang auf die Bloggersuche begeben, sondern immer nur reagiert, wenn ich zufällig einen Blogger entdeckte, der mir gefiel. Ich habe auch sonst kein Marketing gemacht. Das Schreiben fällt mir leicht, Marketing hingegen ist nicht meine Welt. Im Moment gibt es zwei Verlage, die Interesse an „Lauter Leichen“ und dem zweiten Teil haben, und so beschäftige ich mich eher damit, einen professionellen Partner zu finden. Was die von dir angesprochenen Missverständnisse anbelangt: Das hat meistens mit der eigenen Erwartungshaltung zu tun. Als Autor darf ich nicht erwarten, dass ich von Bloggern sofort gelesen werde, dass mein Werk so gewürdigt wird, wie ich es mir wünsche, dass der Blogger es liebt. Einige Blogger schreiben, dass sie nur das lesen, was sie interessiert. Das halte ich für sehr sinnvoll. Denn ein Krimi-Blogger wird sich für einen Chick-Lit-Roman wohl eher nicht erwärmen können, und die Rezension wird vermutlich eher verhalten ausfallen.


Was würdest du dir als Autor von den Bloggern wünschen?

Geht mehr weg von den Mainstream-Büchern, die sowieso hunderte von Rezensionen erhalten, und mehr hin zu den versteckten Rohdiamanten. Natürlich ist dieser Weg beschwerlicher, aber wer das Lesen liebt, ungewöhnliche Geschichten und Charaktere mag und bereit ist, sich auf Texte einzulassen, die eben eher Rohdiamant als geschliffener Diamant sind, wird in sich vielleicht auch Neues entdecken. Wer neue Wege geht, wird Neues entdecken, wer auf den bequemen alten Pfaden bleibt, verpasst das Abenteuer.


Hast du generell einen schwarzhumorigen Blick auf die Welt?

Nicht unbedingt schwarzhumorig, aber schon humorig. In unserem Teil der Welt passiert selten etwas, das ein echtes Drama wäre. Wir haben (fast) alle ein Dach über dem Kopf, einen gefüllten Kühlschrank und zwei gesunde Beine und Hände. Natürlich gibt es viel soziale Ungerechtigkeit, auch in unseren Breitengraden. Und einige Menschen haben sich durch echtes Leid zu kämpfen. Aber wenn man sich auf das fokussiert, was nicht funktioniert, wird man bitter. Die meisten Menschen wollen gesund und glücklich sein, und wir hier in den meisten Teilen Europas haben gute Voraussetzungen, beide Wünsche zu erfüllen. Dem, was nicht klappt, begegne ich gern mit Humor. Das gibt Energie für das, was zu tun ist.


Ich hoffe, es kommt noch ein Nachfolger deines Krimis. Arbeitest du auch noch an einem neuen Abenteuer für Elli und Oma Frieda?

Ja! Denn es macht richtig viel Spaß, mich im Leben der Gints auszutoben. Wenn ich diese Geschichten schreibe, vergesse ich die Zeit und habe gute Laune.


Ich bin gespannt! Möchtest du noch irgendwas mitteilen, was ich vergessen habe, dich zu fragen?

Ja – meine Leseempfehlungen! Ich habe gerade „Der Club“ von Takis Würger als Hörbuch genießen dürfen. Der Krimi ist nicht nur Krimi, sondern auch die Geschichte eines Jungen, der sich mit den Fäusten und dem Herzen seinen Weg erkämpft. Außerdem „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ von Eric E. Schmitt. Auch dieser Roman handelt von einem Jungen, dessen Lebensbasis nicht die Beste ist, der aber nach vorn guckt und das Beste daraus macht.

Oh ja, Monsieur Ibrahim kann ich auch empfehlen. Eine wunderschöne Geschichte.


Vielen Dank, dass du dir Zeit genommen hast. Es war mir eine Freude. Jetzt geh wieder schreiben!




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